Fr. 30.8.13 – Boss Helmut – der einzig wahre Stadionbericht

FSV – Spvgg Greuther Fürth 1:1

Zuschauer: 4853

Wetter: Sonnig warm – Feierabendstimmung

Über dem Bornheimer Hang lag eine abendliche Spätsommer-Sonne und der Biergarten hinter dem Licherausschank-Wagen war eine viertel Stunde vor Sechs gut besucht. Wären die Biergarnituren nicht vor dem Volksparkstadion aufgestellt, der Besucher hätte an einen Grillabend in einer Kleingartensiedlung denken können.

Gartenfeststimmung beim FSVeigene Aufnahme – 2013

Auf dem Weg vom Eisstadion hatte ich etwa eine Handvoll Stadion-Polizisten/innen gezählt, die wahrscheinlich nicht wußten, warum sie hier wieder Überstunden ansammeln mussten. Wenigstens hatten sie die müden Stadion-Schäferhunde zuhause gelassen.  Die Anhänger des mittelfränkischen Traditionsvereins hatten im Gefahrenranking der Sicherheitskräfte offenbar den Status: „Harmlos“ und dem wurden sie nachdrücklich gerecht. Nach dem kurzen Auftritt in der Eliteliga hat die Kleeblattgemeinde offensichtlich Anhänger verloren. Im Gästeblock hätten problemlos noch einige Duzend Busladungen von ihnen Platz gefunden. Ihr Freitagabendausflug  in die hessische Fußballmetropole konnte entfernungsmäßig immerhin fast als Lokalderby eingestuft werden. Die überschaubare grün-weiße Ultra-Gruppe seitlich hinter dem Tor unterbrach während der Spielzeit nur einmal kurz ihre Gesangs- und Bewegungsrituale, dies geschah in der Anfangsphase des Matches und hatte mit dem Spielverlauf zu tun.

Gästeblock Fürtheigene Aufnahme – 2013

Das war` s  auch schon an Aktivitäten, die Kleeblatt-Unterstützer, die sich einen bequemen Sitzplatz im unteren Bereich der Gegentribüne geleistet  hatten, waren so ruhig wie ein fränkischer Eichenwald an einem windlosen Wintertag. Ich setzte mich neben einen von ihnen, er trug ein grün-weißes Ergo-Direkt Trikot. Erst als er in der 81. Min mit einem spontanen Sprung aus der Sitzhaltung, begleitet von einem intensiven Freudenschrei, auf das Spielgeschehen reagierte, wußte ich, dass er nicht eingeschlafen war. Bis dahin konnte ich nebenbei ungestört den fachkundigen Fußballkommentaren und den Bornheimer Stammtischthemen der FSV-Rentner hinter uns folgen.

Vor dem Spiel hatte ich Michael getroffen. Vor etwa zwei Jahren hatten wir uns im FSV Stehplatzblock nahe am Bierstand kennengelernt. Wir waren schnell ins Fachgespräch eingestiegen und ich merkte gleich, dass er zu jenen Experten gehört, deren Fußballsozialisation mit oder gleich nach der Geburt begonnen hat. Im selbstgewählten oder auch fremden Auftrag bereist er seit Jahrzehnten die lokalen und die fränkischen Fußballplätze. Seit einiger Zeit hält er mich auch auf dem Laufenden, was in der Fußballprovinz meiner unterfränkischen Geburtsheimat los ist. Aber das sind wieder andere Geschichten.

Michael beim FSVeigene Aufnahme – 2013

Das Spiel hatte pünktlich um 18.30 Uhr begonnen und das bemerkenswerteste war die ungewöhnliche Arbeitsbekleidung der Fußballfreunde aus dem ehemaligen Ronhof, die heute in einer Arena spielen müssen, deren Namen: „Trolli“ offensichtlich aus einem  Stück der Augsburger Puppenkiste geklaut wurde. Hätten die 14 eingesetzten Vollprofis besser gekickt, sie wären in ihren orangefarbig leuchtenden Trikots, Hosen und Stutzen ohne weiteres als irgendein Auswahlteam unserer Fußballfreunde aus der Niederländischen Nachbarschaft durchgegangen. In der 15. Min. tankte sich A. Huber auf der rechten Seite durch und schlug eine weite Flanke, nicht auf die Haupttribüne, sondern fein getuned auf D. Epstein, der nicht verwandt ist mit dem verstorbenen Beatles-Manager Brian Epstein, der drosch die Kugel volley ins Netz.

Spielerjubel nach dem Toreigene Aufnahme – 2013

Leider konnte Huber, der für den FSV das ist, was Berti Vogts für Borussia M-gladbach in den 1970er war, die Aktion nicht wiederholen, so dass die FSV-Fans auf den Stehplätzen nur einmal jubeln konnten.

Jubel auf den Stehplätzeneigene Aufnahme – 2013

Dieses Ergebnis hielten die Frankfurt-Bornheimer Torminimalisten bis zur 81. Min.  Inzwischen war es schon düster geworden und das Flutlicht beleuchtete die letzten Arbeitsbemühungen der Profis. Nach einer überflüssigen Zugabe von zwei Min. war das Match vorbei. Die beiden Teams verabschiedeten sich vor dem Duschen von ihren Anhängern, die mit dem Ergebnis und den Leistungen offensichtlich zufrieden waren. Patrick Klandt klatschte wieder in ein paar hundert Hände und lies sich bereitwillig für allerlei Erinnerungsfotos mit Familien, Kleinkindern und Fußballkumpel-gruppen ablichten. Die Gästefans streben entspannt an den Polizisten vorbei zu ihren Bussen. Ein Teil der FSV ler stand noch in Männergruppen, um den Licherausschank, war unaufgeregt bei der Nachbesprechung und trank ein letztes Stadionbier.

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FSV-Gespräche

Freitag 30.08.13, FSV Frankfurt – Greuther Fürth 1:1
(Namen im Text geändert.)

Der Soziologe nimmt seinen Platz ein, schärft das Auge für Fans und Spielgeschehen, spitzt die Ohren und lauscht den Gesprächen. In diversen Stadien im Walde vernimmt er Diskurse über die aktuellsten Geldanlagen, die Selbstfindungsreise nach Neuseeland oder die neusten Produkte aus Zuffenhausen. Dies alles in einem sehr dezenten, kaum wahrnehmbaren, hessischen, für den Ortsfremden leicht zu entschlüsselnden Dialekt.

FSV-Totale 02eigene Aufnahme – 2013

Anders beim FSV Frankfurt. Hier muss sich der Zuhörer anstrengen. Aber der Aufwand, das breiteste Bornheimer Gartenhanghessisch zu übersetzen, lohnt sich. Erfährt er doch einiges über die aktuelle Mannschaftsleistung (»K*** kann nicht ahn Ball stoppe!«), dass früher manches besser war (»Klaus, beim heutige Fußball riskiiiiere die Spieler viel wenicher, als früher.«), die Ursachen dafür (»Erwin, dran sind aber auch die Trainer schuld, die die Mannschaft zur Vorsicht erziehe und lieber Eins-null halte, statt munter drauf los zu spiele«), dass weniger gekämpft wird. (»Erwin, die kämpfe net mehr!«), dass erfolgreicher Fußball ohne Investitionsmittel nicht machbar ist (»Klaus, du wirscht sehe, die Braunschweeger werde wie die Fürther wieder absteige«) und weitere fußballspezifische Erkenntnisse, welche für hochdeutsche Ohren leider nicht mehr so einfach zu entschlüsseln waren.

Aber nicht nur Fußballfachwissen ist so in Erfahrung zu bringen, sondern auch, wo es den besten Limburger Käse gibt (»Der Siggi hat letztens auf dem Markt ahn Käs gekauft. Ahn echten Limburger.« »Den Blauen?« / »Naa, den Roten. Der war klasse.«), dass dort jedoch der »Schinke« nichts ist und dass am Sonntag die Jutta mal wieder »grieh Sooß« macht und Klaus herzlich eingeladen ist und wiederrum vieles mehr, was auch mit größter Mühe nicht zu übersetzen war. Wahrscheinlich drehte es sich um den traditionellen Fußball, das Geschehen am Bornheimer Hang oder andere Dinge, welche einen waschechten hessischen Uhreinwohner halt so beschäftigen.

Besucher, die noch nie beim FSV waren, sind schnell der Meinung, dass es wie auf dem heimischen Dorfsportplatz zugeht. Dies mag vielleicht stimmen, nur gibt es da keinen Bundesligafußball zu sehen.

Lars H.

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Kneipenbier gibt es auch zu Hause – Eintracht gegen Eintracht im Pay-TV

Wetter: Draußen kalt und Regen, Drinnen warm, gemütlich und Zimmertemperatur

OLYMPUS DIGITAL CAMERAeigene Aufnahme – 2013

Längst vorbei die Zeiten, als der Autor dieser Zeilen noch weitaus öfter als heute fremde Kulturen in Form von Auswärtsspielen erkundete. Längst vorbei die Zeiten, als mit Hochspannung die spärlichen Oberliga-Botschaften des Videotext-Livetickers vom MDR verfolgt wurden, längst vorbei die Zeiten, als lediglich die Schlagerwelle des Mitteldeutschen Rundfunks die Spiele des Heimatvereins live und in voller Länge im Internet übertrug und der Fan die mitunter sehr bemühten Witze eines Gert Z*** ertragen musste und somit sind auch die Zeiten längst vorbei als die SG Dynamo Dresden vom Pay-TV ausgeschlossen war. Mit dem Wiederaufstieg von Dynamo in die 2. Bundesliga hielt dann auch der moderne Fußball, in seiner medialen Übertragungsform, Einzug ins heimische Wohnzimmer.

Aber nicht nur die SGD sondern auch die anderen Mannschaft sind im Pantoffelkino zu sehen und da die Möglichkeit nun Mal da ist und das momentane Gegen-den-Trainer-Gegicke der Dresdner Dynamos die Abogebühr nicht Wert ist, werden gelegentlich auch die anderen Spiele verfolgt. Nun also zur besten Kaffee und Kuchenzeit die Eintracht aus Frankfurt gegen die Eintracht aus Braunschweig, welche ihre Zwietracht sportlich auf dem Platz austragen wollen.

Wie so oft fragt sich der Zuschauer auch diesmal, wie es der Sender eigentlich schafft, so viele Moderatoren für die Übertragungen zu gewinnen. Immerhin sind es pro Spieltag neun Partien in der ersten und gleich viele in der zweiten Liga, was zusammen 18 Spiele ergibt und bei parallelen Spielen ist die Kommentierung aufgrund der Konferenz auch noch doppelt besetzt. Der geplagte Fan, der die Übertragungen des öffentlichen rechtlichen Fernsehens kennt, weiß, dass der Arbeitsmarkt für gute Moderatoren ziemlich leergefegt ist und freut sich über jede kleine gelungene Äußerungen des Kommentators, die über reine Lückenfüllung hinausgeht und einen echten Mehrwert liefert. Allzu häufig geschieht dies nicht und schon gar nicht im Vorlauf der Übertragung, bei der es besser ist, den Ton leiser zu drehen, wenn nicht gar ganz abzustellen.

Herrlich. Diese Stille. Und dann sind sie da, die Erinnerungen an die eigenen Auswärtsfahren in die andere Löwenstadt, die mit dem roten statt schwarzen Exemplar.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAeigene Aufnahme – 2013

Damals an einem düsteren Novemberabend in der 2. Bundesliga-Saison 2005/06 spielten die Dresdner jedenfalls wie eine Abstiegsmannschaft, verloren das Spiel und traten ja dann auch im weiteren Saisonverlauf, wenn auch mit Rekordpunktezahl, den Gang in die untere Spielklasse an. Zu der Zeit gab es ja noch vier Absteiger und noch keine medial vermarktbare Relegation mit Hin- und Rückspiel zur besten Sendezeit. Von der Punktezahl her, hätte Dynamo damals sicherlich die Relegation verdient gehabt. Ebenso hieß es nach der Zweiten Liga nicht Dritte Liga, sondern Regionalliga/ Nord. Ironischerweise stieg Dresden mit genau dem gleichen Trainer ab, welcher nun wiederrum nach kurzer Zeit Dresden verließ bzw. verlassen musste, bzw. sich so verhielt, dass er gerne entlassen werden wollte.

Neben dem schlechten Spiel und gleich schlechtem Wetter, blieb mir noch die Choreographie der Braunschweiger in Erinnerung: Ein stilisierter Käfig um den Fanblock an dessen Gitterstreben sich zwei Hände krallen von denen eine durch eine Pyrofackel illuminiert ist. Darunter die wohl mittlerweile in jedem Stadion und in jeglicher sprachlichen Form, vorkommende Solidarisierung bzw. Gruß an die, ob berechtigt oder nicht, Stadionverbotler. (Exkurs: Ein Gruß und Gedenken an die mit Stadionverbot belegten Personen ist sicherlich logischer, als die Forderung nach Solidarität, denn Solidarität in diesem Sinne, wäre ein Fernbleiben vom Spiel, aber okay, dies nur nebenbei…) Im abendlichen Dunkeln machte diese, wenn auch schlichte Choreographie, durchaus Eindruck und war wohl aus Dynamosicht das Interessanteste am ganzen Abend.

Eindruck auf den Einsatzleiter schienen wohl auch die Berichte über die Dresdner Fans zu machen und bei meiner zweiten Fahrt an die Hamburger Straße, gut eineinhalb Jahre später (Braunschweig war inzwischen auch abgestiegen und Torsten Lieberknecht übernahm den Trainerposten beim BTSV), war erst Mal am Bahnhof Schluss. Keiner der als Dynamo-Anhänger zu erkennenden Personen sollte selbständig zum Stadion gelangen. Ein Prozedere was sich trauriger Weise bei der Mehrzahl meiner Auswärtsspiele wiederholen sollte. Leider hatte mein Kumpel seinen Schal nicht schnell genug versteckt und schon waren wir als Dresdner, vielleicht sogar als üble Gewalttäter identifiziert und stigmatisiert. Denn wer einen Schal versteckt, versteckt sicherlich auch Sturmhauben, Pyrotechnik und Böller aus den östlichen EU-Staaten ohne BAM-Zulassung. Blöd nur, wenn wir zwar Dresden unterstützen, aber nicht aus Dresden anreisen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAeigene Aufnahme – 2013

Somit hatten wir die wenig rühmliche Ehre den vorgesehenen Sammelplatz am Hinterausgang des Bahnhofs als erste betreten zu dürfen. Aber wiederrum blöd, wenn der Sonderzug aus Dresden erst in einer guten Stunde eintreffen sollte. Ein Polizist teile uns jedenfalls mehr bestimmt, denn freundlich mit, dass wir hier zu warten haben und weitere Diskussionen zwecklos sind. So schnell wie er dies ausgesprochen hatte, verschwand er wieder in seinem Fahrzeug, schloss die Schiebetür und die übrigen schwer gepanzerten Beamtinnen und Beamten machten ebenfalls keinen sehr gesprächigen Eindruck. Genau so wenig wie die drei anderen recht betrunkenen gelben Anhänger mit ihren Jeanskutten die wohl gleichzeitig mit uns den Platz betreten haben mussten. Mit dieser Gesellschaft und auf der Ödnis dieser typischen bahnhofsnahen Busabfahrtsstellen sollten wir nun die nächsten 60 Minuten verbringen. Naja, andere Menschen gehen sonntags ins Museum oder Spazieren, aber die wenigsten hocken Sonntagmittag wohl in Braunschweig auf dem Bahnhofnebenplatz. Ein schwacher Trost.

Aber so unter uns waren wir nur recht kurze Zeit, denn mehr und mehr Züge die aus sämtlichen Richtungen in Braunschweig hielten, spülten Dynamofans auf den Sammelplatz, welcher sich merklich füllte. Darunter auch aus anderen Spielen schon bekannte Gesichter. So langsam wurde auch dem Einsatzleiter klar, dass nicht alle Fans aus dem Freistaat Sachsen und schon gar nicht per Sonderzug anreisen und der erste bereitgestellte Bus fuhr, besetzt von sogenannten Exilfans, gen Stadion.

Wie auch beim ersten Besuch verlor Dresden das Spiel und ließ in dieser wichtigen Regionalliga Saison 2006/07 die Anhänger bis zum Schluss um die Qualifikation für die Dritte Liga zittern, welche letztlich knapp mit zwei Punkten Vorsprung erreicht wurde. Nebenbei bemerkt, war die Schiedsrichterleistung beim Spiel derart fragwürdig, dass selbst ruhige Gemüter sich dazu veranlasst sahen Bierbecher auf die Tartanbahn zu werfen. Ein Vergehen, das wohl heutzutage ein mehrjähriges Stadionverbot nach sich ziehen würde. (Für die reinen Arena-Besucher: die Tartanbahn ist dieser rostbraune Streifen zwischen Spielfeld und Tribüne auf dem wohl seit etlichen Jahren kein Leichtathlet mehr seine Runden gedreht hat.)

Beim dritten Besuch in Braunschweig in der Prämierensaison der 3. Liga 2008/09 war einiges anders als vorher. Nein die Tartanbahn war nicht ramponierter als sonst und nein, auch der Gästeblock war weiterhin, für die Gäste nur das Beste, unüberdacht und auch das Wetter war so regnerisch wie bei den Besuchen davor. Vielmehr hatten uns mit den Jahren zahlreiche Auswärtsspiele gelehrt, besser ohne erkennbare Fanutensilien dem Zug zu entsteigen, diese zu Hause zu lassen oder unter der Jacke zu verstecken und dadurch ohne lästige Polizeibegleitung oder gar Einkesselung zum Stadion zu gelangen. Ein ältere Fan merkte einst bei einem anderen Spiel zornig an, »dafür bin ich 89‘ nicht auf die Straße gegangen, um mich dann beim Fußballspiel grundlos festhalten zu lassen! Dafür nicht!« Recht hatte er, aber die Robocobs waren bei nur sehr wenigen Spielen kommunikativ anschlussfähig und die langen Diskussionen und das Vorzeigen des Ausweises als Beweis des Exilwohnortes, um nicht in den Zug nach Dresden gesteckt zu werden, waren doch ziemlich nervig. An unserer Sprache kann es nicht gelegen haben, denn die vielen Jahre im Rhein-Main-Gebiet, haben den sächsischen Dialekt verschwinden lassen. Somit scheint es ein strukturelles Problem zu sein und es werden wohl noch einige Jahre vergehen, bis klar wird, dass ein massives Polizeiaufgebot per se nicht friedlich wirkt, sondern ganz im Gegenteil. Eine strikte Fantrennung verhindert eben auch die Entstehung von vereinsübergreifenden Bekanntschaften.

Jedenfalls ging es diesmal als Otto-Normalverlierer getarnt recht unbeschwert und selbständig zum Stadion. Eigentlich nicht der Rede wert, aber auf dem Weg zum Stadion haben wir zwar viele Braunschweiger Fans gesehen, aber niemand machte einen gefährlichen oder gar aggressiven Eindruck. Was wir sahen, waren Fußballfans und Anhänger ihres Vereins. Ein Eindruck der sich übrigens auch bei zahlreichen anderen Auswärtsfahrten bestätigte und recht häufig war sogar ein fußballfundiertes Gespräch von Gegner zu Gegner möglich. Sicherlich nicht in Erfurt oder Rostock, aber selbst erlebt in Düsseldorf, Regensburg, Hamburg und in einigen anderen Städten. Und sogar in Frankfurt beim damaligen Hochrisiko-Gästeverbotsspiel war nach dem Spiel ein Besuch des berüchtigten Gleis 25 am Hauptbahnhof sowie ein Gespräch mit ausgesperrten Eintracht-Fans möglich. In solchen Gesprächen erfährt auch der Soziologe, was das Fandasein ausmacht, welche unterschiedlichen Typen ein Fußballspiel besuchen und welchen Stellenwert der Fußball für den Einzelnen hat. Bei strikter Fantrennung erfährt der Soziologie lediglich Foucault’sche Machttheorien, praktisch umgesetzt. Die Frage drängt sich auf, ob das Polizeiaufgebot nicht erst das Gewaltpotential evoziert, zu welcher Bekämpfung es sich dann berufen fühlt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAeigene Aufnahme – 2013  (Übrigens hat dieses Spiel und das Spiel der Frankfurter Eintracht bei Union Berlin zum einen die Kreativität der Fans gezeigt, wie Gästefanverbote umgangen werden können und zum anderen dazu geführt, dass der DFB von derartigen Sanktionen Abschied genommen hat.)

Freilich gilt in solchen Fällen der Satz mit dem Wald und dem Schall und grölend in kompletter Fanmontur wäre ein Besuch eher unratsam, aber ansonsten sind es auch nur Menschen und wer nicht zur Fraktion der »ich sehe einen fremden Schal und bekomme Aggressionen Fraktion« gehört, lebt sicherlich weitaus gemütlicher. An die falschen Personen kann der Reisende bei einer Auswärtsfahrt immer geraten, aber dies geht sicherlich auch auf der Zeil in Frankfurt und mitunter kommen die falschen auch uniformiert daher. Überheblichkeit ist aber in sämtlichen Lebenslagen ein schlechter Ratgeber.

Aber noch etwas war anders als bei den vorherigen Besuchen in der roten Löwenstadt. Dynamo hatte endlich mal Glück mit dem Fußballgott, bekam einen Elfmeter, Braunschweig versemmelte zahlreiche Großchancen und folgerichtig gewannen die Dresdner, wenn nicht verdient, so doch zumindest glücklich und zufrieden. Damit klappte es bei meiner dritten Fahrt nach Braunschweig endlich mit den drei Punkten.

Ob dies der Grund war, warum ich seitdem nicht mehr in Braunschweig war oder ob es daran lag, dass generell andere Dinge wichtiger wurden, als eine kräftezehrende, nicht selten wochenend- und geldbeutelbelastende Auswärtsfahrt auf sich zu nehmen, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber so langsam ließ das Verlagen nach derartigen Fahrten nach und nur noch ein paar Heimspiele und Spiele in der nähere Umgebung wurden aktiv besucht und ja, auch die Möglichkeit die Spiele im Fernsehen zu verfolgen tat und tut ihr übriges.

Apropos da war doch noch was. Richtig das Spiel in Braunschweig, bei dem in Fachkreisen gemunkelt wird, dass die Eintracht aus Frankfurt so langsam die Schmach des ersten Spieltages wieder gut macht und gegen bemühte, aber harmlose Braunschweiger zwei zu null gewann. Aber diesen Fakt dürfen die meisten mittlerweile bereits erfahren haben. Für die andere Eintracht aus Niedersachsen wird sich in der Saison zeigen, ob in guter alter fast schon nostalgischer Fußballtradition, d.h. mit einer eingeschworenen Kernmannschaft spielend, die Liga gehalten werden kann. Die Statistik sagt da eher nein. Aber zumindest hat Eintracht Braunschweig etwas erreicht, was Dresden auch gerne erreichen würde und Braunschweig zeigt zumindest, dass ein Aufstieg aus den Niederrungen der Ligen möglich ist.

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Boss Helmut, aus der umnebelten Eintracht-Fankneipensicht

Sa 17.8.13  Eintracht – Bayern 0:1  ausverkauft – ohne mich –

Wetter: nebelig verraucht

Traube (3)eigene Aufnahme – 2013

Die Pilsstube »Zur Traube« in Niederrad liegt etwa 1228m vom Anstoßpunkt im umbenannten Waldstadion entfernt. Wahrscheinlich ist es die nächste Eintracht-Fankneipe, zum Ort der Freude und des Leidens. Die sympathische Außenfassade des Wohnhauses hat nicht den Schick der neureichen Sky-Lounge an der anderen Straßenecke.

Traube (1)eigene Aufnahme – 2013

Schon auf der Straße wird der Interessierte über alles informiert, worauf es dem abgeklärten Fußballliebhaber ankommt, die Biersorten, die Technik und die Dimension der Sky-Bildübertragung. Neben der heimischen Biermarke, die nur von hartgesottenen Frankfurt-Biertrinkern bevorzugt wird[1], sind noch irische Brauerzeugnisse im Ausschank. Warum die Niederräder Pilsstube sich den irreführenden Namen  »Zur Traube« gegeben hat, weiß ich nicht. Die geografische Lage läßt nicht auf untergegangene spätrömische Weinberge schließen, wie dies im nahen Rheingau der Fall ist. Der Besucher sollte sich daher besser an die exakte Getränkeangabe »Pilsstube« im Namensanhang  halten. Ich hab das  kommunale Traditionsgetränk bestellt und bin damit nicht schlecht gefahren. Der Sauergespritzte (für Nicht Hessen: Apfelwein mit Sprudel gemischt) liegt preislich unter dem Niveau der nahen Sachsenhäuser-Touri-Gastronomie. Wenn der Eintrachtfan von der Straße die Stufe hoch und durch die Tür geht, steht er gleich an der Theke. An ihrer Stirnseite hängen ein paar Jägermeisterflaschen ausgießfreundlich kopfüber und an der Wandvitrine mit den notwendigen Pils- und sonstigen Gläsern eine zwei oder drei Liter Flasche Asbach Uralt, daneben ein Schild: „Asbach Cola“ »Fr und Sa nur 2,-€«, die Flasche war noch ein Drittel gefüllt und ich hab mich nicht erkundigt, wann sie das letzte mal ausgetauscht werden  musste. Auf der Theke stehen Gläser mit Salzstangen und Töpfchen mit Nüssen, es erinnerte mich an meine Dorfkneipe in den 1960er Jahren. Der Gastraum ist übersichtlich und das konnte ich schon von draußen ahnen. Im hinteren Bereich gibt es die meisten Sitzplätze, an der Stirnwand hängt die Leinwand und die ist wirklich groß, so wie es das Schild im Fenster verspricht.

Traube (2)eigene Aufnahme – 2013

Gegenüber der Theke ist noch ein kleiner Sitzplatzbereich. Dort kann der Fan auf einem normalgroßen Fernseher das Spiel verfolgen. Nach der Inneneinrichtung zu urteilen, dürfte die »Traube« auch eine der ältesten Eintracht-Fankneipen in Hessen sein. Alles macht einen gediegenen, soliden Eindruck mit Gebrauchsspuren und Patina, nur einige Eintracht-Schals und das Poster an der Wand sind neueren Datums. Die Wirtin ist freundlich und die Bedienung aufmerksam und fix. Wahrscheinlich haben die meisten Stammkunden auch einen Stammplatz in der Nordwestkurve des Stadions, wo sie an diesem Samstag wohl auf die ersten Saisonpunkte hofften. Die »Traube« war trotzdem gut besucht, aber nicht überfüllt, wie es bei Auswärtsspielen vorkommt. In der Mehrzahl waren es jüngere oder mittelalte Männer, nur neben mir der ältere Mann hob mit mir den Altersdurchschnitt. Immer dann, wenn die Bedienung ein gut eingeschenktes Glas in seiner Nähe abstellte und etwas überschwappte, zog er sein eingepacktes süßes Stückchen hastig an sich, dass es bloß keinen Tropfen abbekam.

Als ich mir den letzten freien Barhocker angelte, war die 13. Minute schon vorbei und den Hammer von Mandzukic konnte ich erst in der Halbzeit sehen. Vor mir saß eine farbige junge Frau, ihr gegenüber eine blonde junge Frau. Sie unterhielten sich die ganze Zeit, ohne einen Blick auf die angestrengte Eintracht-Verteidigung zu werfen. Das Spiel interessierte sie nicht. Warum waren sie hier? Sie rauchten, was die Lungen aufnehmen konnten. Sie rauchten so hingebungsvoll, als ob sie den Rest ihres Lebens auf dieses Vergnügen verzichten müssten.  Jeder zweite hatte eine Kippe zwischen Lippen oder Fingern. »Zur Traube« ist eine der wenigen überlebenden Frankfurter Rauchertempeln, ob dies in Niederrad ihr Alleinstellungsmerkmal ist, weiß ich nicht. Bevor die Gesundheitspolitiker die Raucherinnen und Raucher vor die Kneipentüren trieben, lagen in den Gasträumen der Fußballkneipen bei Liveübertragungen watteähnliche Rauchschwaden über den Stammtischen. Für die meisten Kneipengucker gehörte die Kippe zum Fernsehfußball wie das Bier. Für ältere Bronchialasthmatiker unter Fernsehfußballkunden muss die Erinnerung an diese Zeit ein Horror sein. Ich erinnerte mich wehmütig, auch weil damals die Eintracht im Waldstadion nicht nur ein sogenannter, sondern wirklicher Angstgegner der Bayern war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Stimmung in der Pilsstube war nicht besonders, aber das lag vielleicht am Ergebnis und dem für die Eintrachtgemeinde wenig ermutigenden Spiel der Bayern.  In der 42. Min.  flankte Flum und Meier köpfte ein.  Vor der Leinwand sprangen die stehplatzlosen Eintrachtler auf und die Arme flogen hoch. Neben mir tanzte einer im nagelneuen Eintrachttrikot mit der italienischen Automarke. Sein Kollege im Fraporttrikot blieb regungslos sitzen. Noch bevor er jubeln wollte, hatte er im entgeisterten Blick von Meier die Tragik gelesen.

Der aktuell gekleidete Tänzer stoppte und begann eine Schimpforgie „Schiri du Penner..“, in der zweiten Halbzeit variierte er seine Beschimpfungen „Schweinsteiger du Penner….. das war kein Abseits du Penner….. das is ein Elfer du Penner… usw“. Ich erinnerte mich an den zugigen G-Block im alten Waldstadion. In der Halbzeit war ein neuer Gast ohne Eintrachttrikot, aber mit einer rauchenden Zigarette gekommen. Er hatte ein frischgebügeltes T-Shirt und eine frischgewaschene stone-washed Jeans. Er war offensichtlich schon auf den Abend eingestellt. Er registrierte nur ab und zu den Spielverlauf und reagierte jedesmal mit einer abfälligen Handbewegung, begleitet von der Bemerkung „Katastrof“, „Katastrof“. Gegen Ende der zweiten Halbzeit, begann er ein Gespräch mit der farbigen jungen Frau auf Französisch. Sie wandte sich ihm zu und beide unterhielten sich fließend. Sie rauchten und redeten.

Wie vorauszusehen, war das Spiel nach 90 Min + Nachspielzeit vorbei, die Raucherinnen vor mir hatten es nicht gemerkt und dem Franzosen mit dem limitierten Deutsch war es auch egal. Der alte Mann bezahlte seine sechs Pils nahm sein trockenes süßes Stückchen und ging. Ich bezahlte meine vier Sauergespritzten und beim Gehen winkte die Wirtin herüber …„Tschüss“, ich „Tschüss“ zurück.  Draußen wehte ein warmer Sommerwind, es war ruhig und die Straßenbahnen fuhren leer in Richtung Stadion.

Traube (4)eigene Aufnahme – 2013


[1] Der Co-Autor des Blogs möchte nicht unerwähnt lassen, das fragliche Biermarke nicht nur von »hartgesottenen« Frankfurtern getrunken wird, sondern ein schmackhaftes Feierabendgetränk darstellt, welches im Gegensatz zu den Premiummarken/ Fernsehbieren auch lediglich kellergekühlt mundet.

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Heute hier, morgen dort

Und dann küsste der Spieler das Trikot des neuen Vereins, genauso wie einst, das des alten Arbeitgebers. Die Verbundenheit verkommt zur reinen Geste, welche wohl auch die hartgesottensten Fans, und gerade die, nicht mehr glauben. Ein Uwe Seeler musste nicht sagen, dass er Hamburger ist. Was sonst?

An den schon länger zurückliegenden Wechsel des einstigen Stürmers und notorischen Wappenküssers von Dynamo Dresden zu einem Ruhrgebietsverein musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen die neuerlichen Transfersummen in der Bundesliga und die diesbezügliche Kommentierung las. Was bleibt dem Fan übrig? Trost spendet da wohl nur noch der Griff ins Plattenregal und die musikalische Gewissheit, dass diese Facette des modernen Fußballs die »Vanilla Muffins« schon vor gut zehn Jahren durchschaut und musikalisch umgesetzt haben:

eigenes Foto – 2013

»The feelings for your club
are getting stronger
but the players in the team
don’t feel the same today
the season tickets cost too
much the merchandise is crap
snobs and bankers
standing in your way

What we gonna see?
is not worth being here
Uwe Seeler can’t play tonight
what are we doing here?
call yourself a team
Uwe Seeler can’t play tonight (…)

You were five years old
when your club had its best days
the football ground
was a holy place
Uwe Seeler the perfect man
the spirit of the team
such a hero he could be
from outerspace (…)«

Das komplette Lied ist bei youtube verfügbar.

Lars H.

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Der einzig wahre Stadionbericht – Nr. 001

FSV-Vfl Bochum, Freitag 9.8.13 – Anstoss 18.30 Uhr – Ergebnis: 1:0

Zuschauer: 4839

Wetter: sommerlich warm; Feierabendstimmung

eigene Aufnahme 2013

Am Ostpark hängen die Wahlplakate der SPD  mit Peer Steinbrück, der mal lacht und auch staatsmännisch grimmig gucken kann, daneben Thorsten Schäfer-Gümpel. Der Schäfer-Gümpel ist FSV-Mitglied und im Frühjahr hatte ein Student ihn für unsere Zuschauerbefragung interviewt. Steinbrück wurde am Bornheimer Hang noch nicht gesichtet. Er ist im Aufsichtsrat von Borussia Dortmund. Der FSV spielt in einer anderen Fußballwelt, sein Etat ist wahrscheinlich geringer wie das Jahreseinkommen eines Borussen Stars.

Die fünf VfL-Fans vor mir sind nicht grad in bester Stimmung. Der mit dem schwankenden Schritt wiederholt sich ein paarmal:  „ …wenn der Maltritz den reingemacht hätt…. Ja…wenn der Maltritz den reingemacht hätt..“, in dem Satz klang das unzerstörbare Glücksversprechen, das unerschütterlich hinter jeder Leidenserfahrung eines Fußballliebhabers sorgsam gepflegt wird.

Ich fragte mich ob dies die Jungs sind, die hinter der Zaunfahne – VfL-Philosophen –  stecken, die auf der linken Seite im Gästefanblock zu sehen war. Das ganze Spiel über hing die Fahne einsam am Absperrgitter, dahinter niemand. Welche berühmten Philosophen hat Bochum?, mir fiel niemand ein. Vielleicht Frank Goosen oder Hermann Gerland – aber der ist ja jetzt in Bayern und Herbert Grönemeyer lebt auch schon länger in London. Ob es der Nachwuchs von der Ruhr Uni ist? Kein Verweis.

Philosopheneigene Aufnahme 2013

Am Bornheimer Hang versammeln sich die aktiven Gästefans hinter dem Tor auf der Nordtribüne.  Der Bochumer Ultra-Block hatte dort sein Revier bezogen und sang über 90 Min., nur zwischen den Halbzeiten machten die Ruhr-Ultras Pause und stürmten den  Bratwurst- und Bierstand oben auf dem Tribünenkopf. Kurz vor dem Anpfiff hatten sie eine kleine Pyro-Einlage gestartet.

Pyro_Bochumeigene Aufnahme 2013

Als die Polizisten mit ihrem Teleobjektiv von der Gegentribüne aus sie ins Visier nahmen, da wabberten auch schon die Rauchschwaden über den Zaun, wo die Fahnen des Melting-Potts und der Photomafia nur noch unscharf zu erkennen waren.

Teleobjektiveigene Aufnahme 2013

Die Stimmung war aber so friedlich, dass ich dachte, sie feiern noch ihre unerwarteten vier Punkte aus den ersten beiden Wettkampfspielen der jungen Saison. Bestimmt sind sie auch gerne am Bornheimer Hang, weil Frankfurt nicht so weit weg ist wie Dresden oder Cottbus. Im Mai, als die VfL-ler das letztemal im Bornheimer Volkspark verloren hatten, da war ihre Stimmung auch ganz fröhlich gewesen, weil der heimgekehrte Pieter Neururer Mannschaft und Fangemeinde vor dem Absturz in die Insolvenzliga bewahrt hatte. Damals trug mindestens  die Hälfte der Nachfahren der Fans von Hans Walitza, Josef Tenhagen, Jochen Abel, Herman Gerland und Ralf Zumdick die Pieter-Maske oder wenigstens das Neururer-Bärtchen. Im Mai hatte ich etwa 15-20 Busse aus dem tiefen Westen gezählt, nicht nur aus Bochum. Aus Gelsenkirchen, Essen, Herne und Dortmund kam damals die Fußballgemeinde von der Ruhr solidarisch an den Main, um den unterstützungswürdigen, armen Verwandten beizustehen. Auch die zwei zu eins Niederlage konnte die gute Stimmung nicht trüben. Wer aus der Intensivstation entlassen wird, der klagt nicht über ein blaues Auge. Warum an diesem spätsommerlichen Freitagabend nur 3 oder 4 Busse aus dem Ruhrpott  an der Eissporthalle parkten, weiß ich auch nicht. Vielleicht lag’s daran, dass damals im frühlingshaften Mai Sonntagnachmittag gekickt wurde.

Feierabendbiereigene Aufnahme 2013

Auf dem Weg zwischen Ratsweg und Stadion mischen sich die Fangruppen, dort stehen auch die ersten Polizeikräfte, und langweilen sich. Das kenn ich schon seit Jahren, es ist bei jedem Heimmatch so.  Sogar die Schäferhunde mit ihrem Maulkorb  gucken eher desinteressiert. Sie sitzen neben ihrem Polizeikollegen auf der Wiese, wo es vom Hang abwärts zum Richard Hermann Platz geht. Wer dreimal bei einem FSV-Heimspiel Dienst hatte, weiß, für die drei – vier Stunden Zweitligafußball gehört der Bornheimer Hang zu den friedlichsten Revieren in Frankfurt. Selbst die Lärminstrumente stören nur die Spatzen in der nahen Kleingartensiedlung. Trotzdem sind die weiblichen und männlichen Beamten in kompletten  Kampfanzügen angerückt, schwitzen und unterhalten sich. Auf ihren Kampfjacken steht hinten mit großen Buchstaben „Polizei“. Jedes Mal wenn ich das sehe, denke ich, das muss so sein, damit  sie nicht wegen ihrer Montur mit einer gewaltbereiten Fanschwadron verwechselt werden.

Die Sanitäter an den Rettungswagen haben es leichter. Sie haben auch nix zu tun, können sich aber wenigstens sommerlich anziehen. Auf der Südtribüne  unter den Fußballsatirikern hab ich irgendwann die Geschichte vom schwersten Unfall seit dem Aufstieg in die 2. Liga gehört. Ein Bratwurstverkäufer war beim Entsorgen des heißen Fettes ausgerutscht und hatte sich den Unterarm ganz übel verbrüht.

Ein paar Bochumer sind mit der Straßenbahn gekommen und stehen am Licher-Bierstand, bevor sie ums Stadion in ihr Revier gehen. Eine Mama fotografiert den Papa mit den beiden Söhnen, alle haben FSV-Schals um. Eine andere Familie schiebt ihren Opa im Rollstuhl am Bratwurststand vorbei, auch er mit FSV-Schal.

Rollieigene Aufnahme 2013

Vor dem Apfelweinausschank sind, von mobilen Gartenzaunteilen eingegrenzt, Bierfestgarnituren aufgestellt. Es ist wie eine Gartenwirtschaft vorm Stadion, in der sich die Stadtteilbewohner zum sommerlichen Abendschoppen treffen.

Gartenzauneigene Aufnahme 2013

Die Gegentribüne verlängert sich außerhalb des Stadions in Form einer langen Treppe, dort sitzen oder stehen kleine Gruppen, gucken sich um oder palavern. Kurz vor dem Spiel kontrolliert ein Ordnungsdienstler, ob auch alle hier Eintrittskarten haben. Wer ohne ist, den überredet er zum Gehen. Im unteren Teil der Gegentribüne, der an die Nordtribüne angrenzt, mischen sich FSV und VfL-Fans. Rentner mit Kollegen oder auch Enkel, FSV-Schal über der Schulter, neben Jugendlichen VfL-Fans. Schnell entwickeln sich Expertengespräche, über die rote Karte von Cwielong und den Elfer waren unterschiedliche Meinungen zu vernehmen. Beim FSV verlaufen solche Kommunikationsrituale wie unter gleichgesinnten Freunden aus der Nachbarschaft. Gegenüber im Gäste-Stehplatzbereich lehnten sich die kräftigen – Bistro Boys Bochum – über die Wellenbrecher. Während des Spieles konnte von ihnen wenig Bewegung registriert werden. Offensichtlich serviert das Bistro vor allem schwere westfälische Hausmannskost.

Bistro_Boyseigene Aufnahme 2013

Das Spiel hatte pünktlich um 18.30 Uhr mit dem Anpfiff begonnen und in der 50. Min. gab s die erste Verwarnung. Am aktivsten war bis dahin Kauko. Er trug an jedem seiner zwei Unterarme ein Schweißband und gestikulierte jedes mal, wie ein italienischer Profi mit dem Schiri, wenn er einen VfL-er umgeschubst hatte. Wahrscheinlich hat er nie einen Kaurismäki Film gesehen, sonst wüßte er, dass sich Finnen so nicht benehmen. Ab der 86. Min. begann die Rentnerabteilung auf der Gegentribüne mit ihrem berüchtigten Bornheim-roar FSV, FSV …. Pieters Truppe glaubte jetzt ernsthaft an ihre Ausgleichschance und hatte sich in der FSV-Hälfte vor dem Bochum-Block festgesetzt. Der Fluch der last-Minute-Tore lag über dem Volksparkstadion. In der 93. oder 94. Min., auf jeder FSV-Uhr war es längst die 95. oder 96.Min., weil der Schiri-assi an der Seitenlinie unter der Haupttribüne in der 90zigsten 3 Min. Nachspielzeit angezeigt hatte. In dieser 93zigsten Min. lag plötzlich ein Bochumer Profi im FSV-Strafraum am Boden, ob aus Entkräftung oder weil er über seine Füße gestolpert war, konnte ich auch im späteren Spielbericht im DSF nicht ausmachen. Ob der Schiri den Bochumer Fans für ihr gutes Benehmen danken wollte oder ein Freund von Pieter ist, weiß ich auch nicht, aber er pfiff gnadenlos einen Elfmeter. Die FSV-ler in Arbeitsbekleidung, auf dem Platz an last-Minute-Tore gewöhnt, reklamierten kaum. Maltritz lief an. P. Klandt machte sich ganz breit, als wolle er mit seinem handtuchschmalen Körper den Torraum ausfüllen. Maltritz schoss. Da tauchte Klandt wie ein Delphin in die linke Torraumecke und schnappte die Kugel. Hielt sie fest, als hielt er die Erdkugel fest, um sie vor dem Absturz aus dem Weltall zu bewahren. Die Rentner auf der Gegentribüne waren aufgesprungen, vergaßen ihre Gehhilfen und rissen jubelnd die Arme hoch, als wäre Richard Herrmann auferstanden. Für Minuten bebte der Bornheimer Hang und wahrscheinlich zitterten die Glasscheiben im nahen Panoramabad. Auch die schwankenden FSV- Sympathisanten wussten jetzt, warum sie gekommen waren. Der Schiri pfiff das Spiel nicht mehr an. Zuerst durften Patrick Klandt die Spielkollegen gratulieren und danach machte er sich  auf zum FSV- Fanblock und begann seinen Triumphgang durchs Stadion, klatschte alle Zuschauer ab, die wegen dem FSV gekommen waren und das war die absolute Mehrheit unter den 4839 Besuchern. Und als ich bei aufziehender Dämmerung Richtung Eisstadion ging, stand er immer noch mit seinem Sohn auf dem Arm vor der Haupttribüne. Für einen lauen Sommerabend hatte  der Bornheimer Hang wieder einen Helden.

Wenn auch keinen aus dem Pott ….

Klandteigene Aufnahme 2013

Die Jungs vor mir planten zielsicher ihren verbleibenden  Frankfurt-aufenthalt:  Un fahrn wir jetzt nach dem saxenhausen, wa? … Apfelwein… dat is nich mein getränk…. Kriegs de auch ein pilsken, wa ….  Na gud fahrn wir nach dem saxenhausen …

Boss Helmut – der einzig wahre Stadionbericht

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