Der einzig wahre Stadionbericht – Nr. 001

FSV-Vfl Bochum, Freitag 9.8.13 – Anstoss 18.30 Uhr – Ergebnis: 1:0

Zuschauer: 4839

Wetter: sommerlich warm; Feierabendstimmung

eigene Aufnahme 2013

Am Ostpark hängen die Wahlplakate der SPD  mit Peer Steinbrück, der mal lacht und auch staatsmännisch grimmig gucken kann, daneben Thorsten Schäfer-Gümpel. Der Schäfer-Gümpel ist FSV-Mitglied und im Frühjahr hatte ein Student ihn für unsere Zuschauerbefragung interviewt. Steinbrück wurde am Bornheimer Hang noch nicht gesichtet. Er ist im Aufsichtsrat von Borussia Dortmund. Der FSV spielt in einer anderen Fußballwelt, sein Etat ist wahrscheinlich geringer wie das Jahreseinkommen eines Borussen Stars.

Die fünf VfL-Fans vor mir sind nicht grad in bester Stimmung. Der mit dem schwankenden Schritt wiederholt sich ein paarmal:  „ …wenn der Maltritz den reingemacht hätt…. Ja…wenn der Maltritz den reingemacht hätt..“, in dem Satz klang das unzerstörbare Glücksversprechen, das unerschütterlich hinter jeder Leidenserfahrung eines Fußballliebhabers sorgsam gepflegt wird.

Ich fragte mich ob dies die Jungs sind, die hinter der Zaunfahne – VfL-Philosophen –  stecken, die auf der linken Seite im Gästefanblock zu sehen war. Das ganze Spiel über hing die Fahne einsam am Absperrgitter, dahinter niemand. Welche berühmten Philosophen hat Bochum?, mir fiel niemand ein. Vielleicht Frank Goosen oder Hermann Gerland – aber der ist ja jetzt in Bayern und Herbert Grönemeyer lebt auch schon länger in London. Ob es der Nachwuchs von der Ruhr Uni ist? Kein Verweis.

Philosopheneigene Aufnahme 2013

Am Bornheimer Hang versammeln sich die aktiven Gästefans hinter dem Tor auf der Nordtribüne.  Der Bochumer Ultra-Block hatte dort sein Revier bezogen und sang über 90 Min., nur zwischen den Halbzeiten machten die Ruhr-Ultras Pause und stürmten den  Bratwurst- und Bierstand oben auf dem Tribünenkopf. Kurz vor dem Anpfiff hatten sie eine kleine Pyro-Einlage gestartet.

Pyro_Bochumeigene Aufnahme 2013

Als die Polizisten mit ihrem Teleobjektiv von der Gegentribüne aus sie ins Visier nahmen, da wabberten auch schon die Rauchschwaden über den Zaun, wo die Fahnen des Melting-Potts und der Photomafia nur noch unscharf zu erkennen waren.

Teleobjektiveigene Aufnahme 2013

Die Stimmung war aber so friedlich, dass ich dachte, sie feiern noch ihre unerwarteten vier Punkte aus den ersten beiden Wettkampfspielen der jungen Saison. Bestimmt sind sie auch gerne am Bornheimer Hang, weil Frankfurt nicht so weit weg ist wie Dresden oder Cottbus. Im Mai, als die VfL-ler das letztemal im Bornheimer Volkspark verloren hatten, da war ihre Stimmung auch ganz fröhlich gewesen, weil der heimgekehrte Pieter Neururer Mannschaft und Fangemeinde vor dem Absturz in die Insolvenzliga bewahrt hatte. Damals trug mindestens  die Hälfte der Nachfahren der Fans von Hans Walitza, Josef Tenhagen, Jochen Abel, Herman Gerland und Ralf Zumdick die Pieter-Maske oder wenigstens das Neururer-Bärtchen. Im Mai hatte ich etwa 15-20 Busse aus dem tiefen Westen gezählt, nicht nur aus Bochum. Aus Gelsenkirchen, Essen, Herne und Dortmund kam damals die Fußballgemeinde von der Ruhr solidarisch an den Main, um den unterstützungswürdigen, armen Verwandten beizustehen. Auch die zwei zu eins Niederlage konnte die gute Stimmung nicht trüben. Wer aus der Intensivstation entlassen wird, der klagt nicht über ein blaues Auge. Warum an diesem spätsommerlichen Freitagabend nur 3 oder 4 Busse aus dem Ruhrpott  an der Eissporthalle parkten, weiß ich auch nicht. Vielleicht lag’s daran, dass damals im frühlingshaften Mai Sonntagnachmittag gekickt wurde.

Feierabendbiereigene Aufnahme 2013

Auf dem Weg zwischen Ratsweg und Stadion mischen sich die Fangruppen, dort stehen auch die ersten Polizeikräfte, und langweilen sich. Das kenn ich schon seit Jahren, es ist bei jedem Heimmatch so.  Sogar die Schäferhunde mit ihrem Maulkorb  gucken eher desinteressiert. Sie sitzen neben ihrem Polizeikollegen auf der Wiese, wo es vom Hang abwärts zum Richard Hermann Platz geht. Wer dreimal bei einem FSV-Heimspiel Dienst hatte, weiß, für die drei – vier Stunden Zweitligafußball gehört der Bornheimer Hang zu den friedlichsten Revieren in Frankfurt. Selbst die Lärminstrumente stören nur die Spatzen in der nahen Kleingartensiedlung. Trotzdem sind die weiblichen und männlichen Beamten in kompletten  Kampfanzügen angerückt, schwitzen und unterhalten sich. Auf ihren Kampfjacken steht hinten mit großen Buchstaben „Polizei“. Jedes Mal wenn ich das sehe, denke ich, das muss so sein, damit  sie nicht wegen ihrer Montur mit einer gewaltbereiten Fanschwadron verwechselt werden.

Die Sanitäter an den Rettungswagen haben es leichter. Sie haben auch nix zu tun, können sich aber wenigstens sommerlich anziehen. Auf der Südtribüne  unter den Fußballsatirikern hab ich irgendwann die Geschichte vom schwersten Unfall seit dem Aufstieg in die 2. Liga gehört. Ein Bratwurstverkäufer war beim Entsorgen des heißen Fettes ausgerutscht und hatte sich den Unterarm ganz übel verbrüht.

Ein paar Bochumer sind mit der Straßenbahn gekommen und stehen am Licher-Bierstand, bevor sie ums Stadion in ihr Revier gehen. Eine Mama fotografiert den Papa mit den beiden Söhnen, alle haben FSV-Schals um. Eine andere Familie schiebt ihren Opa im Rollstuhl am Bratwurststand vorbei, auch er mit FSV-Schal.

Rollieigene Aufnahme 2013

Vor dem Apfelweinausschank sind, von mobilen Gartenzaunteilen eingegrenzt, Bierfestgarnituren aufgestellt. Es ist wie eine Gartenwirtschaft vorm Stadion, in der sich die Stadtteilbewohner zum sommerlichen Abendschoppen treffen.

Gartenzauneigene Aufnahme 2013

Die Gegentribüne verlängert sich außerhalb des Stadions in Form einer langen Treppe, dort sitzen oder stehen kleine Gruppen, gucken sich um oder palavern. Kurz vor dem Spiel kontrolliert ein Ordnungsdienstler, ob auch alle hier Eintrittskarten haben. Wer ohne ist, den überredet er zum Gehen. Im unteren Teil der Gegentribüne, der an die Nordtribüne angrenzt, mischen sich FSV und VfL-Fans. Rentner mit Kollegen oder auch Enkel, FSV-Schal über der Schulter, neben Jugendlichen VfL-Fans. Schnell entwickeln sich Expertengespräche, über die rote Karte von Cwielong und den Elfer waren unterschiedliche Meinungen zu vernehmen. Beim FSV verlaufen solche Kommunikationsrituale wie unter gleichgesinnten Freunden aus der Nachbarschaft. Gegenüber im Gäste-Stehplatzbereich lehnten sich die kräftigen – Bistro Boys Bochum – über die Wellenbrecher. Während des Spieles konnte von ihnen wenig Bewegung registriert werden. Offensichtlich serviert das Bistro vor allem schwere westfälische Hausmannskost.

Bistro_Boyseigene Aufnahme 2013

Das Spiel hatte pünktlich um 18.30 Uhr mit dem Anpfiff begonnen und in der 50. Min. gab s die erste Verwarnung. Am aktivsten war bis dahin Kauko. Er trug an jedem seiner zwei Unterarme ein Schweißband und gestikulierte jedes mal, wie ein italienischer Profi mit dem Schiri, wenn er einen VfL-er umgeschubst hatte. Wahrscheinlich hat er nie einen Kaurismäki Film gesehen, sonst wüßte er, dass sich Finnen so nicht benehmen. Ab der 86. Min. begann die Rentnerabteilung auf der Gegentribüne mit ihrem berüchtigten Bornheim-roar FSV, FSV …. Pieters Truppe glaubte jetzt ernsthaft an ihre Ausgleichschance und hatte sich in der FSV-Hälfte vor dem Bochum-Block festgesetzt. Der Fluch der last-Minute-Tore lag über dem Volksparkstadion. In der 93. oder 94. Min., auf jeder FSV-Uhr war es längst die 95. oder 96.Min., weil der Schiri-assi an der Seitenlinie unter der Haupttribüne in der 90zigsten 3 Min. Nachspielzeit angezeigt hatte. In dieser 93zigsten Min. lag plötzlich ein Bochumer Profi im FSV-Strafraum am Boden, ob aus Entkräftung oder weil er über seine Füße gestolpert war, konnte ich auch im späteren Spielbericht im DSF nicht ausmachen. Ob der Schiri den Bochumer Fans für ihr gutes Benehmen danken wollte oder ein Freund von Pieter ist, weiß ich auch nicht, aber er pfiff gnadenlos einen Elfmeter. Die FSV-ler in Arbeitsbekleidung, auf dem Platz an last-Minute-Tore gewöhnt, reklamierten kaum. Maltritz lief an. P. Klandt machte sich ganz breit, als wolle er mit seinem handtuchschmalen Körper den Torraum ausfüllen. Maltritz schoss. Da tauchte Klandt wie ein Delphin in die linke Torraumecke und schnappte die Kugel. Hielt sie fest, als hielt er die Erdkugel fest, um sie vor dem Absturz aus dem Weltall zu bewahren. Die Rentner auf der Gegentribüne waren aufgesprungen, vergaßen ihre Gehhilfen und rissen jubelnd die Arme hoch, als wäre Richard Herrmann auferstanden. Für Minuten bebte der Bornheimer Hang und wahrscheinlich zitterten die Glasscheiben im nahen Panoramabad. Auch die schwankenden FSV- Sympathisanten wussten jetzt, warum sie gekommen waren. Der Schiri pfiff das Spiel nicht mehr an. Zuerst durften Patrick Klandt die Spielkollegen gratulieren und danach machte er sich  auf zum FSV- Fanblock und begann seinen Triumphgang durchs Stadion, klatschte alle Zuschauer ab, die wegen dem FSV gekommen waren und das war die absolute Mehrheit unter den 4839 Besuchern. Und als ich bei aufziehender Dämmerung Richtung Eisstadion ging, stand er immer noch mit seinem Sohn auf dem Arm vor der Haupttribüne. Für einen lauen Sommerabend hatte  der Bornheimer Hang wieder einen Helden.

Wenn auch keinen aus dem Pott ….

Klandteigene Aufnahme 2013

Die Jungs vor mir planten zielsicher ihren verbleibenden  Frankfurt-aufenthalt:  Un fahrn wir jetzt nach dem saxenhausen, wa? … Apfelwein… dat is nich mein getränk…. Kriegs de auch ein pilsken, wa ….  Na gud fahrn wir nach dem saxenhausen …

Boss Helmut – der einzig wahre Stadionbericht

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Eine Antwort zu Der einzig wahre Stadionbericht – Nr. 001

  1. pieter sein sohn schreibt:

    schön geschrieben… macht lust auf mehr….
    weiter so!

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