Boss Helmut, aus der umnebelten Eintracht-Fankneipensicht

Sa 17.8.13  Eintracht – Bayern 0:1  ausverkauft – ohne mich –

Wetter: nebelig verraucht

Traube (3)eigene Aufnahme – 2013

Die Pilsstube »Zur Traube« in Niederrad liegt etwa 1228m vom Anstoßpunkt im umbenannten Waldstadion entfernt. Wahrscheinlich ist es die nächste Eintracht-Fankneipe, zum Ort der Freude und des Leidens. Die sympathische Außenfassade des Wohnhauses hat nicht den Schick der neureichen Sky-Lounge an der anderen Straßenecke.

Traube (1)eigene Aufnahme – 2013

Schon auf der Straße wird der Interessierte über alles informiert, worauf es dem abgeklärten Fußballliebhaber ankommt, die Biersorten, die Technik und die Dimension der Sky-Bildübertragung. Neben der heimischen Biermarke, die nur von hartgesottenen Frankfurt-Biertrinkern bevorzugt wird[1], sind noch irische Brauerzeugnisse im Ausschank. Warum die Niederräder Pilsstube sich den irreführenden Namen  »Zur Traube« gegeben hat, weiß ich nicht. Die geografische Lage läßt nicht auf untergegangene spätrömische Weinberge schließen, wie dies im nahen Rheingau der Fall ist. Der Besucher sollte sich daher besser an die exakte Getränkeangabe »Pilsstube« im Namensanhang  halten. Ich hab das  kommunale Traditionsgetränk bestellt und bin damit nicht schlecht gefahren. Der Sauergespritzte (für Nicht Hessen: Apfelwein mit Sprudel gemischt) liegt preislich unter dem Niveau der nahen Sachsenhäuser-Touri-Gastronomie. Wenn der Eintrachtfan von der Straße die Stufe hoch und durch die Tür geht, steht er gleich an der Theke. An ihrer Stirnseite hängen ein paar Jägermeisterflaschen ausgießfreundlich kopfüber und an der Wandvitrine mit den notwendigen Pils- und sonstigen Gläsern eine zwei oder drei Liter Flasche Asbach Uralt, daneben ein Schild: „Asbach Cola“ »Fr und Sa nur 2,-€«, die Flasche war noch ein Drittel gefüllt und ich hab mich nicht erkundigt, wann sie das letzte mal ausgetauscht werden  musste. Auf der Theke stehen Gläser mit Salzstangen und Töpfchen mit Nüssen, es erinnerte mich an meine Dorfkneipe in den 1960er Jahren. Der Gastraum ist übersichtlich und das konnte ich schon von draußen ahnen. Im hinteren Bereich gibt es die meisten Sitzplätze, an der Stirnwand hängt die Leinwand und die ist wirklich groß, so wie es das Schild im Fenster verspricht.

Traube (2)eigene Aufnahme – 2013

Gegenüber der Theke ist noch ein kleiner Sitzplatzbereich. Dort kann der Fan auf einem normalgroßen Fernseher das Spiel verfolgen. Nach der Inneneinrichtung zu urteilen, dürfte die »Traube« auch eine der ältesten Eintracht-Fankneipen in Hessen sein. Alles macht einen gediegenen, soliden Eindruck mit Gebrauchsspuren und Patina, nur einige Eintracht-Schals und das Poster an der Wand sind neueren Datums. Die Wirtin ist freundlich und die Bedienung aufmerksam und fix. Wahrscheinlich haben die meisten Stammkunden auch einen Stammplatz in der Nordwestkurve des Stadions, wo sie an diesem Samstag wohl auf die ersten Saisonpunkte hofften. Die »Traube« war trotzdem gut besucht, aber nicht überfüllt, wie es bei Auswärtsspielen vorkommt. In der Mehrzahl waren es jüngere oder mittelalte Männer, nur neben mir der ältere Mann hob mit mir den Altersdurchschnitt. Immer dann, wenn die Bedienung ein gut eingeschenktes Glas in seiner Nähe abstellte und etwas überschwappte, zog er sein eingepacktes süßes Stückchen hastig an sich, dass es bloß keinen Tropfen abbekam.

Als ich mir den letzten freien Barhocker angelte, war die 13. Minute schon vorbei und den Hammer von Mandzukic konnte ich erst in der Halbzeit sehen. Vor mir saß eine farbige junge Frau, ihr gegenüber eine blonde junge Frau. Sie unterhielten sich die ganze Zeit, ohne einen Blick auf die angestrengte Eintracht-Verteidigung zu werfen. Das Spiel interessierte sie nicht. Warum waren sie hier? Sie rauchten, was die Lungen aufnehmen konnten. Sie rauchten so hingebungsvoll, als ob sie den Rest ihres Lebens auf dieses Vergnügen verzichten müssten.  Jeder zweite hatte eine Kippe zwischen Lippen oder Fingern. »Zur Traube« ist eine der wenigen überlebenden Frankfurter Rauchertempeln, ob dies in Niederrad ihr Alleinstellungsmerkmal ist, weiß ich nicht. Bevor die Gesundheitspolitiker die Raucherinnen und Raucher vor die Kneipentüren trieben, lagen in den Gasträumen der Fußballkneipen bei Liveübertragungen watteähnliche Rauchschwaden über den Stammtischen. Für die meisten Kneipengucker gehörte die Kippe zum Fernsehfußball wie das Bier. Für ältere Bronchialasthmatiker unter Fernsehfußballkunden muss die Erinnerung an diese Zeit ein Horror sein. Ich erinnerte mich wehmütig, auch weil damals die Eintracht im Waldstadion nicht nur ein sogenannter, sondern wirklicher Angstgegner der Bayern war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Stimmung in der Pilsstube war nicht besonders, aber das lag vielleicht am Ergebnis und dem für die Eintrachtgemeinde wenig ermutigenden Spiel der Bayern.  In der 42. Min.  flankte Flum und Meier köpfte ein.  Vor der Leinwand sprangen die stehplatzlosen Eintrachtler auf und die Arme flogen hoch. Neben mir tanzte einer im nagelneuen Eintrachttrikot mit der italienischen Automarke. Sein Kollege im Fraporttrikot blieb regungslos sitzen. Noch bevor er jubeln wollte, hatte er im entgeisterten Blick von Meier die Tragik gelesen.

Der aktuell gekleidete Tänzer stoppte und begann eine Schimpforgie „Schiri du Penner..“, in der zweiten Halbzeit variierte er seine Beschimpfungen „Schweinsteiger du Penner….. das war kein Abseits du Penner….. das is ein Elfer du Penner… usw“. Ich erinnerte mich an den zugigen G-Block im alten Waldstadion. In der Halbzeit war ein neuer Gast ohne Eintrachttrikot, aber mit einer rauchenden Zigarette gekommen. Er hatte ein frischgebügeltes T-Shirt und eine frischgewaschene stone-washed Jeans. Er war offensichtlich schon auf den Abend eingestellt. Er registrierte nur ab und zu den Spielverlauf und reagierte jedesmal mit einer abfälligen Handbewegung, begleitet von der Bemerkung „Katastrof“, „Katastrof“. Gegen Ende der zweiten Halbzeit, begann er ein Gespräch mit der farbigen jungen Frau auf Französisch. Sie wandte sich ihm zu und beide unterhielten sich fließend. Sie rauchten und redeten.

Wie vorauszusehen, war das Spiel nach 90 Min + Nachspielzeit vorbei, die Raucherinnen vor mir hatten es nicht gemerkt und dem Franzosen mit dem limitierten Deutsch war es auch egal. Der alte Mann bezahlte seine sechs Pils nahm sein trockenes süßes Stückchen und ging. Ich bezahlte meine vier Sauergespritzten und beim Gehen winkte die Wirtin herüber …„Tschüss“, ich „Tschüss“ zurück.  Draußen wehte ein warmer Sommerwind, es war ruhig und die Straßenbahnen fuhren leer in Richtung Stadion.

Traube (4)eigene Aufnahme – 2013


[1] Der Co-Autor des Blogs möchte nicht unerwähnt lassen, das fragliche Biermarke nicht nur von »hartgesottenen« Frankfurtern getrunken wird, sondern ein schmackhaftes Feierabendgetränk darstellt, welches im Gegensatz zu den Premiummarken/ Fernsehbieren auch lediglich kellergekühlt mundet.

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Eine Antwort zu Boss Helmut, aus der umnebelten Eintracht-Fankneipensicht

  1. Schoppe sepp schreibt:

    Na dann….Prost!

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