Kneipenbier gibt es auch zu Hause – Eintracht gegen Eintracht im Pay-TV

Wetter: Draußen kalt und Regen, Drinnen warm, gemütlich und Zimmertemperatur

OLYMPUS DIGITAL CAMERAeigene Aufnahme – 2013

Längst vorbei die Zeiten, als der Autor dieser Zeilen noch weitaus öfter als heute fremde Kulturen in Form von Auswärtsspielen erkundete. Längst vorbei die Zeiten, als mit Hochspannung die spärlichen Oberliga-Botschaften des Videotext-Livetickers vom MDR verfolgt wurden, längst vorbei die Zeiten, als lediglich die Schlagerwelle des Mitteldeutschen Rundfunks die Spiele des Heimatvereins live und in voller Länge im Internet übertrug und der Fan die mitunter sehr bemühten Witze eines Gert Z*** ertragen musste und somit sind auch die Zeiten längst vorbei als die SG Dynamo Dresden vom Pay-TV ausgeschlossen war. Mit dem Wiederaufstieg von Dynamo in die 2. Bundesliga hielt dann auch der moderne Fußball, in seiner medialen Übertragungsform, Einzug ins heimische Wohnzimmer.

Aber nicht nur die SGD sondern auch die anderen Mannschaft sind im Pantoffelkino zu sehen und da die Möglichkeit nun Mal da ist und das momentane Gegen-den-Trainer-Gegicke der Dresdner Dynamos die Abogebühr nicht Wert ist, werden gelegentlich auch die anderen Spiele verfolgt. Nun also zur besten Kaffee und Kuchenzeit die Eintracht aus Frankfurt gegen die Eintracht aus Braunschweig, welche ihre Zwietracht sportlich auf dem Platz austragen wollen.

Wie so oft fragt sich der Zuschauer auch diesmal, wie es der Sender eigentlich schafft, so viele Moderatoren für die Übertragungen zu gewinnen. Immerhin sind es pro Spieltag neun Partien in der ersten und gleich viele in der zweiten Liga, was zusammen 18 Spiele ergibt und bei parallelen Spielen ist die Kommentierung aufgrund der Konferenz auch noch doppelt besetzt. Der geplagte Fan, der die Übertragungen des öffentlichen rechtlichen Fernsehens kennt, weiß, dass der Arbeitsmarkt für gute Moderatoren ziemlich leergefegt ist und freut sich über jede kleine gelungene Äußerungen des Kommentators, die über reine Lückenfüllung hinausgeht und einen echten Mehrwert liefert. Allzu häufig geschieht dies nicht und schon gar nicht im Vorlauf der Übertragung, bei der es besser ist, den Ton leiser zu drehen, wenn nicht gar ganz abzustellen.

Herrlich. Diese Stille. Und dann sind sie da, die Erinnerungen an die eigenen Auswärtsfahren in die andere Löwenstadt, die mit dem roten statt schwarzen Exemplar.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAeigene Aufnahme – 2013

Damals an einem düsteren Novemberabend in der 2. Bundesliga-Saison 2005/06 spielten die Dresdner jedenfalls wie eine Abstiegsmannschaft, verloren das Spiel und traten ja dann auch im weiteren Saisonverlauf, wenn auch mit Rekordpunktezahl, den Gang in die untere Spielklasse an. Zu der Zeit gab es ja noch vier Absteiger und noch keine medial vermarktbare Relegation mit Hin- und Rückspiel zur besten Sendezeit. Von der Punktezahl her, hätte Dynamo damals sicherlich die Relegation verdient gehabt. Ebenso hieß es nach der Zweiten Liga nicht Dritte Liga, sondern Regionalliga/ Nord. Ironischerweise stieg Dresden mit genau dem gleichen Trainer ab, welcher nun wiederrum nach kurzer Zeit Dresden verließ bzw. verlassen musste, bzw. sich so verhielt, dass er gerne entlassen werden wollte.

Neben dem schlechten Spiel und gleich schlechtem Wetter, blieb mir noch die Choreographie der Braunschweiger in Erinnerung: Ein stilisierter Käfig um den Fanblock an dessen Gitterstreben sich zwei Hände krallen von denen eine durch eine Pyrofackel illuminiert ist. Darunter die wohl mittlerweile in jedem Stadion und in jeglicher sprachlichen Form, vorkommende Solidarisierung bzw. Gruß an die, ob berechtigt oder nicht, Stadionverbotler. (Exkurs: Ein Gruß und Gedenken an die mit Stadionverbot belegten Personen ist sicherlich logischer, als die Forderung nach Solidarität, denn Solidarität in diesem Sinne, wäre ein Fernbleiben vom Spiel, aber okay, dies nur nebenbei…) Im abendlichen Dunkeln machte diese, wenn auch schlichte Choreographie, durchaus Eindruck und war wohl aus Dynamosicht das Interessanteste am ganzen Abend.

Eindruck auf den Einsatzleiter schienen wohl auch die Berichte über die Dresdner Fans zu machen und bei meiner zweiten Fahrt an die Hamburger Straße, gut eineinhalb Jahre später (Braunschweig war inzwischen auch abgestiegen und Torsten Lieberknecht übernahm den Trainerposten beim BTSV), war erst Mal am Bahnhof Schluss. Keiner der als Dynamo-Anhänger zu erkennenden Personen sollte selbständig zum Stadion gelangen. Ein Prozedere was sich trauriger Weise bei der Mehrzahl meiner Auswärtsspiele wiederholen sollte. Leider hatte mein Kumpel seinen Schal nicht schnell genug versteckt und schon waren wir als Dresdner, vielleicht sogar als üble Gewalttäter identifiziert und stigmatisiert. Denn wer einen Schal versteckt, versteckt sicherlich auch Sturmhauben, Pyrotechnik und Böller aus den östlichen EU-Staaten ohne BAM-Zulassung. Blöd nur, wenn wir zwar Dresden unterstützen, aber nicht aus Dresden anreisen.

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Somit hatten wir die wenig rühmliche Ehre den vorgesehenen Sammelplatz am Hinterausgang des Bahnhofs als erste betreten zu dürfen. Aber wiederrum blöd, wenn der Sonderzug aus Dresden erst in einer guten Stunde eintreffen sollte. Ein Polizist teile uns jedenfalls mehr bestimmt, denn freundlich mit, dass wir hier zu warten haben und weitere Diskussionen zwecklos sind. So schnell wie er dies ausgesprochen hatte, verschwand er wieder in seinem Fahrzeug, schloss die Schiebetür und die übrigen schwer gepanzerten Beamtinnen und Beamten machten ebenfalls keinen sehr gesprächigen Eindruck. Genau so wenig wie die drei anderen recht betrunkenen gelben Anhänger mit ihren Jeanskutten die wohl gleichzeitig mit uns den Platz betreten haben mussten. Mit dieser Gesellschaft und auf der Ödnis dieser typischen bahnhofsnahen Busabfahrtsstellen sollten wir nun die nächsten 60 Minuten verbringen. Naja, andere Menschen gehen sonntags ins Museum oder Spazieren, aber die wenigsten hocken Sonntagmittag wohl in Braunschweig auf dem Bahnhofnebenplatz. Ein schwacher Trost.

Aber so unter uns waren wir nur recht kurze Zeit, denn mehr und mehr Züge die aus sämtlichen Richtungen in Braunschweig hielten, spülten Dynamofans auf den Sammelplatz, welcher sich merklich füllte. Darunter auch aus anderen Spielen schon bekannte Gesichter. So langsam wurde auch dem Einsatzleiter klar, dass nicht alle Fans aus dem Freistaat Sachsen und schon gar nicht per Sonderzug anreisen und der erste bereitgestellte Bus fuhr, besetzt von sogenannten Exilfans, gen Stadion.

Wie auch beim ersten Besuch verlor Dresden das Spiel und ließ in dieser wichtigen Regionalliga Saison 2006/07 die Anhänger bis zum Schluss um die Qualifikation für die Dritte Liga zittern, welche letztlich knapp mit zwei Punkten Vorsprung erreicht wurde. Nebenbei bemerkt, war die Schiedsrichterleistung beim Spiel derart fragwürdig, dass selbst ruhige Gemüter sich dazu veranlasst sahen Bierbecher auf die Tartanbahn zu werfen. Ein Vergehen, das wohl heutzutage ein mehrjähriges Stadionverbot nach sich ziehen würde. (Für die reinen Arena-Besucher: die Tartanbahn ist dieser rostbraune Streifen zwischen Spielfeld und Tribüne auf dem wohl seit etlichen Jahren kein Leichtathlet mehr seine Runden gedreht hat.)

Beim dritten Besuch in Braunschweig in der Prämierensaison der 3. Liga 2008/09 war einiges anders als vorher. Nein die Tartanbahn war nicht ramponierter als sonst und nein, auch der Gästeblock war weiterhin, für die Gäste nur das Beste, unüberdacht und auch das Wetter war so regnerisch wie bei den Besuchen davor. Vielmehr hatten uns mit den Jahren zahlreiche Auswärtsspiele gelehrt, besser ohne erkennbare Fanutensilien dem Zug zu entsteigen, diese zu Hause zu lassen oder unter der Jacke zu verstecken und dadurch ohne lästige Polizeibegleitung oder gar Einkesselung zum Stadion zu gelangen. Ein ältere Fan merkte einst bei einem anderen Spiel zornig an, »dafür bin ich 89‘ nicht auf die Straße gegangen, um mich dann beim Fußballspiel grundlos festhalten zu lassen! Dafür nicht!« Recht hatte er, aber die Robocobs waren bei nur sehr wenigen Spielen kommunikativ anschlussfähig und die langen Diskussionen und das Vorzeigen des Ausweises als Beweis des Exilwohnortes, um nicht in den Zug nach Dresden gesteckt zu werden, waren doch ziemlich nervig. An unserer Sprache kann es nicht gelegen haben, denn die vielen Jahre im Rhein-Main-Gebiet, haben den sächsischen Dialekt verschwinden lassen. Somit scheint es ein strukturelles Problem zu sein und es werden wohl noch einige Jahre vergehen, bis klar wird, dass ein massives Polizeiaufgebot per se nicht friedlich wirkt, sondern ganz im Gegenteil. Eine strikte Fantrennung verhindert eben auch die Entstehung von vereinsübergreifenden Bekanntschaften.

Jedenfalls ging es diesmal als Otto-Normalverlierer getarnt recht unbeschwert und selbständig zum Stadion. Eigentlich nicht der Rede wert, aber auf dem Weg zum Stadion haben wir zwar viele Braunschweiger Fans gesehen, aber niemand machte einen gefährlichen oder gar aggressiven Eindruck. Was wir sahen, waren Fußballfans und Anhänger ihres Vereins. Ein Eindruck der sich übrigens auch bei zahlreichen anderen Auswärtsfahrten bestätigte und recht häufig war sogar ein fußballfundiertes Gespräch von Gegner zu Gegner möglich. Sicherlich nicht in Erfurt oder Rostock, aber selbst erlebt in Düsseldorf, Regensburg, Hamburg und in einigen anderen Städten. Und sogar in Frankfurt beim damaligen Hochrisiko-Gästeverbotsspiel war nach dem Spiel ein Besuch des berüchtigten Gleis 25 am Hauptbahnhof sowie ein Gespräch mit ausgesperrten Eintracht-Fans möglich. In solchen Gesprächen erfährt auch der Soziologe, was das Fandasein ausmacht, welche unterschiedlichen Typen ein Fußballspiel besuchen und welchen Stellenwert der Fußball für den Einzelnen hat. Bei strikter Fantrennung erfährt der Soziologie lediglich Foucault’sche Machttheorien, praktisch umgesetzt. Die Frage drängt sich auf, ob das Polizeiaufgebot nicht erst das Gewaltpotential evoziert, zu welcher Bekämpfung es sich dann berufen fühlt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAeigene Aufnahme – 2013  (Übrigens hat dieses Spiel und das Spiel der Frankfurter Eintracht bei Union Berlin zum einen die Kreativität der Fans gezeigt, wie Gästefanverbote umgangen werden können und zum anderen dazu geführt, dass der DFB von derartigen Sanktionen Abschied genommen hat.)

Freilich gilt in solchen Fällen der Satz mit dem Wald und dem Schall und grölend in kompletter Fanmontur wäre ein Besuch eher unratsam, aber ansonsten sind es auch nur Menschen und wer nicht zur Fraktion der »ich sehe einen fremden Schal und bekomme Aggressionen Fraktion« gehört, lebt sicherlich weitaus gemütlicher. An die falschen Personen kann der Reisende bei einer Auswärtsfahrt immer geraten, aber dies geht sicherlich auch auf der Zeil in Frankfurt und mitunter kommen die falschen auch uniformiert daher. Überheblichkeit ist aber in sämtlichen Lebenslagen ein schlechter Ratgeber.

Aber noch etwas war anders als bei den vorherigen Besuchen in der roten Löwenstadt. Dynamo hatte endlich mal Glück mit dem Fußballgott, bekam einen Elfmeter, Braunschweig versemmelte zahlreiche Großchancen und folgerichtig gewannen die Dresdner, wenn nicht verdient, so doch zumindest glücklich und zufrieden. Damit klappte es bei meiner dritten Fahrt nach Braunschweig endlich mit den drei Punkten.

Ob dies der Grund war, warum ich seitdem nicht mehr in Braunschweig war oder ob es daran lag, dass generell andere Dinge wichtiger wurden, als eine kräftezehrende, nicht selten wochenend- und geldbeutelbelastende Auswärtsfahrt auf sich zu nehmen, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber so langsam ließ das Verlagen nach derartigen Fahrten nach und nur noch ein paar Heimspiele und Spiele in der nähere Umgebung wurden aktiv besucht und ja, auch die Möglichkeit die Spiele im Fernsehen zu verfolgen tat und tut ihr übriges.

Apropos da war doch noch was. Richtig das Spiel in Braunschweig, bei dem in Fachkreisen gemunkelt wird, dass die Eintracht aus Frankfurt so langsam die Schmach des ersten Spieltages wieder gut macht und gegen bemühte, aber harmlose Braunschweiger zwei zu null gewann. Aber diesen Fakt dürfen die meisten mittlerweile bereits erfahren haben. Für die andere Eintracht aus Niedersachsen wird sich in der Saison zeigen, ob in guter alter fast schon nostalgischer Fußballtradition, d.h. mit einer eingeschworenen Kernmannschaft spielend, die Liga gehalten werden kann. Die Statistik sagt da eher nein. Aber zumindest hat Eintracht Braunschweig etwas erreicht, was Dresden auch gerne erreichen würde und Braunschweig zeigt zumindest, dass ein Aufstieg aus den Niederrungen der Ligen möglich ist.

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